Perspektive
- 3. März
- 7 Min. Lesezeit
Der blühende Frühling nach einem lähmenden Winter.

Herdenleben
Die kleine Giraffe wuchs mit besonderen Eigenschaften auf und erfuhr dadurch das Leben aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Sie unterschied sich maßgeblich von den anderen Giraffen, hatte einen komprimierten Hals, kürzere Beine und war dadurch deutlich kleiner - als würde ein junges Pony neben einem ausgewachsenen Pferd stehen.
Schon in ihrer Kindheit war sie deshalb immer die Ausgestoßene. In ihrer Herde waren die anderen langsam unterwegs, durch ihre Größe immer ganz vorsichtig voranschreitend und aßen von den Bäumen weit oben. Dies war die gängige Lebensweise einer Giraffe und schlichtweg normal.
Der Vater der kleinen Giraffe starb bei einem der Angriffe durch hungrige Raubtiere und gab so sein Leben für die Herde. Die Mutter war schon immer der Notwendigkeit ausgesetzt, die doppelte Menge an Nahrung zu finden. Als fürsorgliches Elternteil liebte sie ihr Kind und ließ es niemals merken, welch Leid es ihr an so manchem Tag innerlich verursachte. Aber es war mindestens ebenso schwer für die kleine Giraffe, denn sie trug selbst die Last der Andersartigkeit – bewertete ihre Existenz als Strafe. Sie sah die anderen und verglich sich mit ihnen, sah immer den Unterschied, ihre eigenen Schwächen und musste sich so durch ihre Kindheit und Jugend kämpfen, bis sie schließlich ausgewachsen war.
Die Zeit verging und mittlerweile hatte sie ihre eigenen Methoden entwickelt. Sie hat gelernt, adlerscharf zu beobachten und sich bei ihren Schwächen auf die anderen zu verlassen. Es fühlte sich aber dennoch nie vollkommen an. Sie war mitlaufender Teil der Herde, immer mit auf Wanderungen, auf Nahrungssuche, aber hatte nie wirklich Anklang und wahre Zugehörigkeit gefunden.
Bedrohung
Die Sonne schien hell am Himmel über der Savanne, es wirkte wie ein ganz normaler Tag. Sie war mit ihrer Herde auf Nahrungssuche, als die Stimmung schlagartig kippte. Die Großen waren durch ihren weiten Blick im Vorteil, witterten und erkannten schon die schleichenden Angreifer in der Ferne. Aufgrund ihrer Beobachtungsgabe konnte auch die kleine Giraffe die Nahrungssuchenden schnell erblicken.
Es war ein kleines Löwenrudel, bestehend aus drei ausgewachsenen Löwen, die es sich zum Ziel gemacht hatten, eine der jungen Giraffen zu ergreifen. Der Hunger trieb sie an, immerhin waren sie die Jäger in diesem Lebensraum und als Fleischfresser darauf angewiesen, lebende Beute zu reißen.
Und so entstand langsam, aber sicher eine wirklich bedrohliche Situation. Die kleine Giraffe machte, was sie bei Angriffen immer machte, und versuchte, zwischen den langen Beinen der anderen Giraffen Schutz zu suchen. Aber sie schaffte es nicht. Diesmal war irgendetwas anders. Irgendwie war die Herde aufgeregter als sonst und wahrscheinlich einfach aufgrund ihrer hungrigen Mägen nicht darauf vorbereitet.
Verfolgung
Urplötzlich sprang einer der Löwen nach vorne und startete den Angriff. Die kleine Giraffe war schutzlos und versuchte, wegzurennen. Sie flüchtete, woraufhin einer der Löwen ihre Witterung aufnahm und sie jagte. Er rannte mit übersprudelnder Energie und Geschwindigkeit hinter der kleinen Giraffe her.
In Todesangst und kompletter Verwirrung lief die kleine Giraffe um ihr Leben. Sie war noch nie so schnell gelaufen, noch nie hatte sie dieses markdurchdringende Gefühl der Angst gespürt, welches ihr ein übergiraffisches Tempo verlieh. Die kurzen Beine schwebten förmlich über den ausgetrockneten Boden. Es ging immer weiter, der Angreifer nah im Windschatten, fort von der Herde in unbekanntes Terrain.
Doch als der Löwe aufgrund seiner Fähigkeiten und seiner ausgewachsenen Größe dennoch immer näher an sie herankam, meldete sich etwas, das sie zuvor noch nicht erlebt hatte: ein tiefer Urinstinkt. Ihre flinken und schnellen Beine ermöglichten ihr eine blitzschnelle Wendung. Ein Bruchteil einer Sekunde konnte sie dem Angreifer in seine lüsternen Augen schauen, bevor sie dem Löwen mit ihrem harten Kopf und voller Wucht mitten auf seine Nase stieß. Der Löwe wurde vollkommen überrascht. Normalerweise springt er seine Beute im richtigen Moment von hinten an und ringt sie mithilfe seiner Krallen, Kraft und Kauleiste zu Boden. Voller Verwirrung blieb er kurz stehen und taumelte – zum ersten Mal wich er zurück.
Rettung
Die kleine Giraffe nutzte die Gelegenheit und rannte ein paar Meter weiter in das dichte Gestrüpp. Normale Giraffen würden hier klar erkennbar sein, der Löwe würde sie auf Anhieb entdecken. Aber die kleine Giraffe blieb im Verborgenen und scheuchte zusätzlich durch ihr Eindringen Vögel auf, die mit lauten Geräuschen in den Himmel flogen. Paviane fingen an, herumzuschreien, verärgert darüber, bei der Mittagsruhe im Schatten gestört worden zu sein. Stachelschweine, die gerade ihren Nachwuchs hüteten, wurden aktiv und ihr Schutzinstinkt fing an, sich zu melden.
Und der Löwe schlich aufmerksam um das Gestrüpp herum, suchend und wartend, bereit zum Angriff. Aber die kleine Giraffe war trotz ihrer herzpulsierenden Aufregung lautlos still. Sie zeigte und bewegte sich nicht. Es fühlte sich endlos an, Momente angstvollen Zitterns. Nach einer weiteren Weile erkannte die kleine Giraffe, durch das dichte Gestrüpp blickend, den Löwen fortlaufen. Er rannte zu seiner Herde zurück, er hatte das Warten aufgegeben.
Die kleine Giraffe blieb aufmerksam, spürte aber, wie sich ihr geschwächter Körper entkrampfte. Kurz musste sie an ihre Herde denken, die von den anderen beiden Löwen attackiert wurde, und hoffte, dass sie es unverletzt überstanden hat.
Einzelkämpferin
Sie hatte den Löwen frontal angegriffen und folgend ihre besonderen körperlichen Merkmale genutzt, um sich unbemerkt in einem Gebiet zu verstecken, in dem Giraffen normalerweise keinen Schutz suchen können. Sie hatte es allein geschafft und war am Leben, und außerdem stolz auf sich selbst.
Schnell kamen aber neue Sorgen, als sie realisierte, wie weit sie sich von ihrer Herde entfernt haben musste. Sie überlegte, was sie nun tun sollte. Zu frühes Zurücklaufen barg die Gefahr, in eine Falle des lauernden Löwen zu tappen, wohingegen sich ihre Herde mit fortschreitender Zeit immer weiter entfernte. So verging noch reichlich Bedenkzeit, bevor sie den ersten vorsichtigen Blick hinauswagte.
Niemand war zu sehen, die Savanne sonnte sich im leisen Klang der Weite. Der kleinen Giraffe wurde mehr und mehr bewusst, dass sie allein war: allein in der Wildnis mit neu entwickelten Fähigkeiten und ihren hochaktiven Instinkten. Diese Erkenntnis gab ihr einen Schub.
Die Verfolgungsjagd und das Abwarten haben Zeit und Energie gekostet, weshalb sie sich dazu entschied, sich um ihr eigenes Überleben zu kümmern. Bevor sie sich auf die Suche nach einer Wasserquelle machte, aß sie noch einige Blätter und füllte damit ihren leicht knurrenden Magen.
Wassersuche
Sie kannte die üblichen Wasserstellen, aber es war inzwischen Trockenzeit und die hochstehende Sonne hatte inzwischen einige davon ausgetrocknet. Ihre inneren Speicher waren allmählich geleert, weshalb sie eine Möglichkeit, zu trinken, finden musste.
Die großen Wasserquellen, die jetzt noch übrig waren, waren von den Jägern und Mächtigen des regionalen Tierreichs gut besucht. Sie konnte sich allein nicht an eine solche wagen, das Risiko war viel zu hoch und ohne ihre Herde wäre dies ohnehin nicht erfolgversprechend.
Deshalb entschied sie sich dazu, eine alternative Quelle zu suchen. Sie schlich im Schutz leichter Hügel, schmaler Kakteen und ausgetrocknetem Unterholz auf der Suche nach feuchtem Boden vorwärts. Sie wusste: Ihre rassenspezifischen Vorteile konnte sie nicht nutzen, um so feuchte Stellen in der Ferne zu erblicken, aber sie konnte ihre individuellen Besonderheiten nutzen.
Daher suchte sie am Boden direkt vor sich. So schlich sie durch die Savanne, bis sie in der Ferne einen abgeknickten Baum sah, der auf einer leichten Erhebung stand. Sie steuerte ihn direkt an, weit und breit war niemand anderes zu sehen.
Kurze Zeit später erreichte sie ihn und entdeckte eine Senke, die sich im offenen Wurzelbereich gebildet hatte. Hier konnte sich das Wasser beim Regenfall sammeln und langsam versickern. Aufgrund der Schattenlage war es hier auch deutlich länger vor Verdunstung geschützt. Zwar war der letzte Regen einige Zeit her und es war kein Wasser erkennbar, aber die Erde war noch leicht feucht. Sie freute sich und begann mit ihren kleinen Hufen zu graben, in der Hoffnung, dass sie Wasser oder gar eine kleine Quelle freilegen würde.
Tatsächlich zeigte sich immer mehr Wasser und die kleine Senke begann sich zu füllen. Es war, als hätte sich oben eine zwar feuchte, aber dennoch abschirmende Schicht gebildet, die nun durchstoßen wurde und die Lebensflüssigkeit sprudeln ließ.
Sie senkte erschöpft, aber erleichtert ihr Haupt und begann zu trinken. Sie konnte sich stärken und spürte eine neue Lebendigkeit in sich. Nachdem sie ein paar große Schlucke getrunken hatte, dämmerte ihr, dass dies der Beginn eines neuen Lebens war. Ein Leben, welches schon die ganze Zeit für sie bestimmt war und nun durch ihre eigene Privatquelle symbolisiert wurde.
All die Jahre war sie es gewohnt zwischen langen Beinen zu laufen und stempelte sich selbst als ungenügendes Wesen ab, das bestraft wurde und für immer unwürdig durch ihr Leben geistern würde. Sie konnte ihre Perspektive nicht ändern, das hätte den Prinzipien der Herde widersprochen. Dort gibt es nur den einen Weg und Ausreißer waren dem Tode oder der Verbannung geweiht. So funktionierte anscheinend das System, in dem sie aufgezogen wurde, ließ aber keinen Platz für wahrhaftige Entwicklung und Wachstum.
Nun war sie darauf angewiesen, sich zu entwickeln und mit ihren individuellen Stärken und Schwächen zu arbeiten. Sie fand es gut, war selbstbewusst und nahm eine Energie wahr, die sie zuvor niemals hätte erahnen können. Die kleine Giraffe fühlte sich wie neu geboren.
Neustart
Sie war gedanklich bereits in ihrer neuen Lebenssituation angekommen. Sie hatte akzeptiert, wer sie ist und was sie ausmacht, und war so in Gedanken versunken, dass sie gar nicht erkannte, wie sich im Hintergrund ihre Herde und geliebte Mutter näherten.
Der Freude Ausdruck beim Wiedersehen
Durch gelebte Liebe nie vergehen.
Ungläubige Blicke, fragende Haltung,
Während des Lauschens
Cleverer Geschicke aus Kleine´s Entfaltung.
Eine Aufsteigerin, wertlose Verleugnung, alte Wesenstriebe.
Keine Außenseiterin, wertvolle Ergänzung, neue Perspektive.
Das Wunderwerk Leben hat eine unergründliche Tiefe, dessen Boden die kleine Giraffe niemals erreichen wird. Dennoch hat sie eine schwierige Prüfung bestanden und wurde mit einer unbezahlbaren Erkenntnis über sich selbst belohnt. Jahrelange Abhängigkeit und Anpassung haben sie nicht wachsen lassen. Erst als sie von dieser Lebensart auf brutale Weise abgekoppelt wurde, durfte sie ihre individuelle, innewohnende Kraft spüren und wurde befreit. Es ist meist nicht der Blick in die Weite, der Antworten bringt, sondern das Untersuchen und Reflektieren des Naheliegenden.
Schön, dass du da bist.

Schöne und inspirierende Geschichte. Sie zeigt noch einmal sehr deutlich, was in einem steckt, wenn Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten besteht und sich von gewohnten Mustern anderer löst. Besonders der letzte Satz des Blogbeitrags regt zum Nachdenken an. Ich freue mich auf weitere Beiträge!